Zur Ausbildungssituation- Bernd Wehr-Paulus im Interview
Der Schöppenstedter Bernd Wehr-Paulus ist Obermeister der Innung für Sanitär-, Heizungs-, Klima- und Klempnertechnik, er leitet ein erfolgreiches Traditionsunternehmen – und eine qualifizierte Ausbildung liegt ihm am Herzen. Zufrieden mit der aktuellen Lage auf dem Ausbildungssektor ist er nicht.
Ein Gespräch über gestiegene Anforderungen, verändertes Sozialverhalten, Probleme in der Ausbildung – und die Freude daran, mit Jugendlichen konstruktiv zu arbeiten. Das Interview führte Sibylle Böge.
Frage: Herr Wehr-Paulus, haben Sie überhaupt Probleme, geeignete Bewerber für Ihren Betrieb zu finden?
Ja, wir haben große Probleme. Zwar arbeiten wir gut mit der hiesigen Hauptschule zusammen, aber es wird immer schwieriger, dort auch tatsächlich geeignete Schüler zu finden. Unser Beruf ist komplizierter geworden; die Ausbildung zum Anlagenmechaniker dauert dreieinhalb Jahre. Und danach wollen wir demjenigen eben auch die Qualifikation bescheinigen, diesen Beruf anständig ausüben zu können. In den letzten Jahren haben wir fast nur Bewerber aus den neuen Bundesländern genommen.
Frage: Was ist der Grund dafür?
Unser Beruf hat zwar mittlerweile im technischen Bereich, also was die ganze Elektronik und den Ablauf betrifft, einen äußerst hohen Anspruch. Aber trotzdem haftet ihm immer noch ein veraltetes, negatives Bild an. Und das, obwohl ohne Trinkwasser schließlich gar nichts geht – aber das verstehen manche Leute nicht. Oder wollen es nicht verstehen. Das ist ein Grund.
Frage: Bringen die Bewerber denn generell zu wenig mit?
Ja, die Bewerber haben oft zu wenig Kenntnisse. Und ich kann Ihnen versichern: Ich werde heute keinen Auszubildenden mehr einstellen, dessen Eltern ich nicht kennen gelernt habe! Dreieinhalb Jahre sind eine lange Zeit; wenn hier die drei Partner, also der Ausbildungsbetrieb, die Berufschule und das Elternhaus, nicht zusammenarbeiten – dann geht es einfach nicht. Nur so kann man eine qualifizierte Ausbildung schaffen. Denn oft kommt irgendwann dieser „Null-Bock-Moment“, und dann müssen alle Seiten gemeinsam für die richtige Motivation sorgen.
Frage: Und die Vorbereitung in den Schulen?
Wir bemühen uns, in den Schulen Vorträge zu halten und uns darzustellen. Aber es werden heute ja überall – ob in den Hauptschulen, in den berufsbildenden Schulen, bei „Arbeit und Leben“ – diese Veranstaltungen gemacht… Und hinterher liest man in der Presse, es sei gut besucht gewesen und so weiter. Aber wenn ich von morgens bis abends zum Beispiel in der Eulenspiegelhalle (Tagungs- und Veranstaltungsort in Schöppenstedt; Anm. d. Red.) stehe, und am Ende habe ich vielleicht drei intensive Beratungen durchgeführt – dann ist das schwach, dann zeugt das von Desinteresse! Auch die Lehrer zeigen teilweise kein großes Interesse. Und wenn so etwas samstags stattfindet – dann kommt überhaupt keiner.
Frage: Also gibt es zu wenig Engagement, auch seitens der Schüler?
Ja. Die Einstellung der Schüler ist im Laufe der Zeit schlechter geworden. Ich habe das Gefühl, dass das gerade an diesen zahlreichen Angeboten liegen könnte. Dass es ihnen zu leicht gemacht wird. Viele sagen sich: „Es wird sich bei den ganzen Möglichkeiten schon irgendetwas ergeben, da brauche ich mir keinen Kopf machen.“ Ich denke, dass diese Meinung verkehrt ist.
Frage: Hat sich auch das Sozialverhalten der Schüler geändert?
Wenn ich mir die Bewerbungen ansehe, bekomme ich ohnehin regelmäßig Computer-Texte mit Standardfloskeln. Aber wir laden die jungen Leute zu einem Gespräch ein, wir bereiten uns vor und machen einen Plan für sie. Doch in der Regel kommen sie grundsätzlich zu spät. Und außerdem kommt es eben auf das Auftreten an. Das kann uns auch draußen beim Kunden zu schaffen machen. Es ist schließlich so: Wir als Handwerker gehen definitiv in den Intim-Bereich des Kunden – in sein Badezimmer, unter Umständen durch sein Schlafzimmer hindurch.
Frage: Die Ausbildung ist also problematisch?
Ich denke, wenn ein Lehrling richtig ausgebildet werden soll, muss er eine Arbeit von Anfang bis Ende machen. Aber was passiert? Am Montag fängt er an und ist quasi nur im Dreck, am Dienstag hat er Schule, am Mittwoch ist er dann vielleicht bei der Vorinstallation dabei – und am Freitag bei der Fertiginstallation, da hat er wieder Schule. Das ist schon problematisch. Eine weitere Sache: Man schickt einen Auszubildenden mit zum Kundendienst – und dort wird er häufig gar nicht erst hineingelassen, weil es heißt: „Ich wollte nur einen Mann“. Jede dritte Rechung wird reklamiert. Das wird aber auch von den Verbraucherverbänden propagiert, von den Politikern – nur frage ich mich manchmal, woher wir unseren Nachwuchs bekommen sollen. Noch ein Beispiel: Wenn man einmal die Ausbildungsplanung anschaut – was nützt es, dass darin exakt festgelegt ist, was im ersten, zweiten, dritten Ausbildungsjahr zu machen ist, wenn der Ausbildungsbetrieb genau weiß, dass er manches gar nicht leisten kann? Teilweise ist es nicht das Papier wert, auf dem es gedruckt ist. Im Handwerk kann ich doch nur da ausbilden, wo ich gerade Arbeit habe. Ich denke, ein guter Handwerksbetrieb muss hier über seinen Schatten springen und den Auszubildenden für ein Vierteljahr in einen anderen Betrieb geben, wenn er einen gewissen Teil überhaupt nicht abdecken kann.
Frage: Und Sie persönlich? Haben Sie denn noch Freude am Ausbilden?
Ja, mir macht es nach wie vor sehr viel Spaß, mit jungen Leuten zu arbeiten. Daher übe ich verschiedene beratende Funktionen aus. Ich halte mich gerne in vielen Bereichen auf dem Laufenden.
Herr Wehr-Paulus, vielen Dank für dieses Gespräch.
P.S.
Auf Anfrage des Projektes „pro job“ hat sich Bernd Wehr-Paulus freundlicherweise spontan bereit erklärt, für 2007 noch einen zusätzlichen Ausbildungsplatz anzubieten, falls sich ein/e geeignete/r Bewerber/in dafür finden lässt.
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Das Interview übernahmen wir mit freundlicher Genehmigung des VFQ (Vereins zur Förderung der Qualität der beruflichen Bildung e.V.) aus ihrer Mitgliederzeitschrift "Momentum" Nummer 6 vom Oktober 2007








